Pernambuco – Zuckerbarone, holländisches Erbe und Wiege des Widerstands
Willkommen in Pernambuco! In kaum einem anderen Bundesstaat liegen sagenhafter historischer Reichtum und leidenschaftlicher revolutionärer Geist so nah beieinander. Hier stieg Brasilien einst zum Weltzentrum der Zuckerproduktion auf, hier lieferten sich europäische Großmächte erbitterte Schlachten um Häfen und Kolonien, und hier entzündete sich immer wieder der unbändige Funke der Freiheit.
Zwischen Barock und Moderne: Der Blick von den grünen Hügeln Olindas auf die Skyline von Recife.
Von Zuckerbaronen und Seefahrern
Bereits im Jahr 1534 begann der steile Aufstieg der Region. Dank der fruchtbaren, dunklen Massapê–Böden entwickelte sich Pernambuco zum reichsten und profitabelsten Kapitanat der gesamten Neuen Welt:
- Olinda: Die prachtvolle Siedlung von 1535 thront stolz auf bewaldeten Hügeln über dem Atlantik. Heute ein gefeiertes UNESCO-Weltkulturerbe, residierten hier einst die vermögenden Zuckerbarone in herrschaftlichen Palästen und stifteten monumentale Klöster.
- Neu–Holland: Zwischen 1630 und 1654 wehte die niederländische Flagge über dem Nordosten. Unter dem aufgeklärten Statthalter Johann Moritz von Nassau wurde Mauritsstad (das heutige Recife) zur modernsten, religiös tolerantesten und wissenschaftlich fortschrittlichsten Stadt des Doppelkontinents ausgebaut.
- Die Wiege der Freiheit: Pernambuco war nie ein bequemer Untertan. Bei der Pernambukanischen Revolution von 1817 riefen Bürger und Geistliche sogar eine eigene Republik aus. Der rot-blau-weiße Regenbogen auf der Staatsflagge erinnert bis heute an diesen mutigen Traum von Freiheit und Unabhängigkeit.
Das Duo der Kontraste: Olinda & Recife
Zwei Städte, die nahtlos ineinander übergehen und dennoch völlig unterschiedliche Welten verkörpern:
- Recife: Das oft zitierte „Venedig Brasiliens“. Eine pulsierende Metropole, durchzogen von Brücken, Kanälen und den Flüssen Capibaribe und Beberibe, geprägt von einem geschäftigen Welthafen und einem hochmodernen IT-Zentrum (Porto Digital).
- Olinda: Ein farbenfrohes, lebendiges Freilichtmuseum aus Kopfsteinpflaster, bunten Barockkirchen und steilen Hängen. Während des Straßenkarnevals tanzt hier das gesamte Volk eng an eng zu den halsbrecherischen Frevo-Rhythmen neben den berühmten, meterhohen Riesenpuppen (Bonecos Gigantes de Olinda).
Kulturerbe auf Stelzen: Die traditionsreichen Bonecos Gigantes in den engen Gassen Olindas.
Kulinarik: Ein Buffet der Kulturen
Die Küche Pernambucos zählt zu den raffiniertesten und geschmacklich intensivsten des Landes, geprägt von indigenem Wissen, afrikanischer Würze und portugiesischer Zuckerbäckerei. In meinem Kapitel über die Kulinarik der Welt erfährst du mehr über:
- Bolo de Rolo: Die wohl hauchdünnste und kunstvollste Biskuitrolle der Welt, Schicht für Schicht mit feiner Guavenmarmelade (Goiabada) bestrichen – ein offiziell geschütztes Kulturgut des Staates.
- Arrubadão: Ein deftiges Festessen der Markthallen – eine kräftige Pfanne aus Reis, Bohnen, zartem Trockenfleisch, Würsten und reichlich Fäden ziehendem Schnittkäse.
- Tapioca de Olinda: Frisch gebacken an den Ständen des Kirchplatzes Alto da Sé, gefüllt mit frischer Kokosnuss und Käse, serviert mit einem unvergesslichen Panoramablick über das Meer.
Geheimnisvolle Orte: Die Wracks von Recife
Wusstest du, dass Recife weltweit als die „Wrack-Hauptstadt“ Südamerikas gilt? Vor der Küste ruhen auf dem Meeresgrund über 100 Schiffe aus fünf Jahrhunderten, von spanischen und holländischen Galeonen über Dampfer bis hin zu gezielt versenkten Korvetten, die heute künstliche Korallenriffe bilden. Ein Paradies für Wracktaucher und ein feuchtes Grab voller ungelöster maritimer Rätsel.
Fazit: Pernambuco ist ein Staat für alle Sinne. Es ist ein Ort, an dem man morgens durch weltberühmte Kolonialgeschichte wandelt, mittags den Geist moderner Technologien spürt und abends im schwingenden Takt des Frevo und Maracatu das Leben feiert. Ein unverzichtbarer Höhepunkt jeder Reise durch den Kontinent.
Nächste Station unserer Reise • Das Land des Forró
Sergipe: »Klein an Größe, riesig an Rhythmus und Geschichte. Lass dich nicht von den Maßen auf der Landkarte täuschen: Sergipe mag Brasiliens kleinster Bundesstaat sein, aber zwischen São Cristóvão und den Canyons des Xingó schlägt ein wahres Kraftpaket.«