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Eine Reise um die Welt

Prolog – Der erste Buchstabe

Es gibt Reisen, die beginnen mit einem Flugticket. Andere beginnen mit einer Sehnsucht. Manche mit dem Wunsch, einen Ort endlich zu sehen, dessen Namen man seit Jahren kennt.

Diese Reise begann anders. Mit einem Buchstaben.

Damals wusste ich noch nicht, dass aus diesem einen Buchstaben vierzehn werden würden. Dass sie mich über Kontinente führen, in fremde Städte, durch alte Geschichten und schließlich tief in eine Vergangenheit hineinziehen würden, von der ich nicht einmal wusste, dass sie etwas mit mir zu tun hatte.

Ich wusste nicht, wer die erste Nachricht hinterlassen hatte. Ich wusste nicht, warum ausgerechnet ich sie finden sollte. Und ich wusste schon gar nicht, dass Menschen, die ich nie getroffen hatte, Entscheidungen gefällt hatten, deren Folgen Jahrzehnte später noch immer durch andere Leben liefen.

Einige wollten schützen. Andere helfen. Manche schwiegen aus Angst, andere aus Loyalität. Und fast alle waren überzeugt gewesen, das Richtige zu tun.

Es wäre leicht, diese Geschichte im Nachhinein zu ordnen. Hier die Guten. Dort die Schuldigen. Hier Wahrheit. Dort Lüge. Aber so war es nicht. Je weiter ich reiste, desto weniger passten die Menschen in solche Schubladen.

Ein Mensch konnte helfen und trotzdem Schaden anrichten. Er konnte ein Versprechen halten und dadurch einen anderen verletzen. Er konnte aus Liebe handeln und trotzdem falsch entscheiden. Und eine Erinnerung konnte vollkommen ehrlich sein - und dennoch nicht stimmen.

Das sollte ich erst viel später verstehen.

Am Anfang suchte ich etwas ganz anderes. Eine Erklärung. Vielleicht sogar ein System. Denn wenn irgendwo ein Zeichen auftaucht, möchte man wissen, was es bedeutet. Wenn jemand einen Brief hinterlässt, möchte man wissen, wer ihn geschrieben hat. Wenn ein alter Schlüssel plötzlich in der eigenen Tasche liegt, sucht man nach dem Schloss. Und wenn Buchstaben beginnen, Städte miteinander zu verbinden, möchte man irgendwann wissen, welches Wort daraus entsteht.

Ich folgte ihnen. R. Dann E. Dann I. Aus drei Buchstaben wurden fünf, aus fünf wurden Worte und aus Worten wurde eine Reise:

REISE UM DIE WELT

Rio de Janeiro – Edinburgh – Istanbul – San Francisco – Essen – Ulaanbaatar – Marrakesch – Delhi – Innsbruck – Edmonton – Wien – Eindhoven – Lissabon – Tokyo.

Vierzehn Stationen. Vierzehn sehr verschiedene Welten. Doch irgendwann hörte ich auf, nur Städte zu sammeln. Jeder Ort hinterließ etwas. Eine Frage. Eine Erinnerung. Manchmal ein Wort. Manchmal nur einen Zweifel.

Am Ende führte die Reise nach Tokyo. Dort bekam ich viele der Antworten, die ich gesucht hatte. Aber nicht alle. Heute weiß ich, dass genau das richtig war.

Denn dies ist keine Geschichte darüber, wie ein Mann um die Welt reist und schließlich jedes Geheimnis löst. Es ist die Geschichte darüber, wie er lernt, dass ihm nicht jedes Geheimnis gehört.

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